#1-urin

#1-urin


16. Mai 2018, Kantine der Sophiensæle
artists

Zum Auftakt waren dabei:
 

Emmilou Rößling - Liquid Marble
Noam Brusilovsky - Paruresis
Janne Nora Kummer & Fee Römer - #20shadesofyellow
Laura Genevieve Jones & Alex Linton - Baby Punk ft. Dr. Babuyoka

liquid marble

 

emmilou rößling

 

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liquid marble

 

emmilou rößling

 
Mit intimen gesten und unbeständigen grenzziehungen verschmilzt liquid marble skulptur und tanz. bilder schwellen und zerfallen, fließen ineinander, lösen sich auf und tarnen sich gegenseitig. ein bisschen wie bei den anglerfischen - es gibt keine konsistente form.

Von und mit: Emmilou Rößling
Fotos © Anna Agliardi
Video © Diethild Meier
 
Emmilou Rößling ist Choreografin und Performerin. Sie studierte Tanz und Theater in London und Dublin sowie Choreografie in Gießen. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Fragen zu gängigen Formen der Repräsentation und Wahrnehmung, suchen einen Performance-Modus jenseits des Spektakulären und streben dabei stets nach einer Form der Camouflage.
emmilouroessling.com

paruresis

 

noam brusilovsky

 

paruresis

 

noam brusilovsky

 
Paruresis bezeichnet die Unfähigkeit vor anderen zu urinieren. Was manche beschämt, wird für andere lustvoll. Eine akustische Arbeit über Lampenfieber und schüchterne Blasen.

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Von und mit: Noam Brusilovsky, Lotta Beckers, Magdalena Emmerig, Tobias Purfürst
Fotos © Anna Agliardi
Video © Diethild Meier
 
Noam Brusilovsky studierte Regie an der HfS Ernst Busch und realisiert seine eigene Inszenierungen am Theater und im Hörspiel. “Broken German” (SWR) gewann den deutschen Hörspielpreis der ARD 2017. Seine Solo-Performance “Orchiektomie rechts” wurde zu radikal jung 2018 eingeladen. Tobias Purfürst ist freier Musikproduzent und Klangkünstler. Lotta Beckers studiert Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Magdalena Emmerig ist Bühnen- und Kostümbildnerin und Teil von THE AGENCY.
noam-brusilovsky.com

#20shadesofyellow

 

janne nora kummer + fee römer

 

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#20shadesofyellow

 

janne nora kummer + fee römer

 
Wenn einer alles wüsste und das für jede Position, wenn jemand die minimale Anzahl an Zügen um den Zauberwürfel zu lösen kennen würde, wie hoch wäre diese Zahl? Das ist die erhabene Nummer, und seit 2010, weißt du es ist die 20.

Von und mit: Janne Nora Kummer, Fee Römer, Marilena Büld
Fotos © Anna Agliardi
Video © Diethild Meier
 
Mit Arbeiten von: Alina Weber aka Ali W, Amarnah Ufuoma Osajivbe-Amuludun, Antje Prust, Brenda Green, Chitra Vari, Eva Vuillemin, Finja Messer, h_k_mue - follow me, henri pee, J.M., Jan Koslowski, Johannes Aue, Julez, Lena Fiedler, Lisa Heinrici, Marilena Büld, Mila Martin, Ola B, Sven Björn Popp, Wieland Schönfelder
 
Eine Produktion von virtuellestheater virtuellestheater.net/20soy
 
Janne Nora Kummer ist Performerin und Regisseurin. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit der Verknüpfung von neuen Medien und Performancekunst und untersucht die Auswirkung von Technik und Internet auf Individuum und Gesellschaft. Sie ist Mitglied von virtuellestheater e.V. Derzeit lebt und arbeitet sie in Berlin.
 
Fee Römer ist Soziologin und Dramaturgin. Als Soziologin arbeitet sie zu Themen der sozialen Ungleichheit. Schwerpunkt ihrer dramaturgischen Arbeit ist eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtstrukturen, und wie diese in performativen Formaten unterwandert werden können.

baby punk ft. dr. babuyoka

 

laura genevieve jones + alex linton

 

baby punk ft. dr. babuyoka

 

laura genevieve jones + alex linton

 
Eine kollaborative Arbeit, die gängige Vorannahmen darüber, was es bedeutet krank, crip oder behindert zu sein auf die Probe stellt und die vielfältive Otherness der Performer*innen auslotet. Ihre Körper sind politisch, spirituell, freudvoll, sexy und wütend.

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Von und mit: Laura Genevieve Jones, Alex Linton
Fotos © Anna Agliardi
Video © Diethild Meier
 
Baby Punk ft. Dr. Babuyoka Laura und Lex haben im August letzten Jahres nach rechts gewischt, seitdem trippen und düsen sie gemeinsam durch Raum und Zeit, beschwören Sprüche und brauen merkwürdige Ideen um Labor. Sie teilen das Interesse für Okkultes, Verschwörungstheorien, komische Geräusche, billiges Essen und das Dong Xuan Center.
 
Alexander Linton was born in London and based in Berlin, Alexander Linton is a performer and producer. Whilst working as a professional musician, under the project, Lexodus, interest in his composition began to increase and Alexander started producing live music for dance and performance exhibitions.
lexodus.hotglue.me
 
Laura Genevieve Jones Also known as yonabout, lulika and baby punk, Laura G Jones is a crip artist and researcher. Working predominantly with video, sound and performance, her practice explores themes of gender, sexuality, sickness and performativity in the every day. Originally born in Johannesburg, South Africa, having lived in America and the UK, Laura is now based in Berlin, Germany.
yonabout.hotglue.me
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lea langenfelder + max wallenhorst

Postpisse

Lea Langenfelder

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Urin ist Ambivalenz, die Bedeutung von Pisse und das Verhältnis zu dieser fließend. Zwischen Eigenurintherapie und Schwangerschaftstest (unter andrem mit Hilfe von Kröten) – also medizinischer Nutzung, dem Anpinkeln als Sexualpraktik, auch zwecks Demütigung und Erniedrigung, Inkontinenz und blutigem Urin liegt ein langer Gang mit zahlreichen Türen zu diversen Mensch-Urin-Beziehungen. Pisse ist mit dem Ekel ebenso verbunden wie mit der Liebe. Urin ist Material. Urin riecht, ist körperlich, ist schmutzig (wobei der Mittelstrahl doch steril ist), ist (Abfall-)Produkt, intim, privat und kann gleichzeitig beim gemeinsamen Wasserlassen als gemeinschaftsstiftendes Element genutzt werden. Urin ist abstoßend, ist anziehend. Urin ist verräterisch. Urinieren ist Muss, ist Symbol, ist Ritual. Urinieren ist menschlich, ist animalisch. Urinieren ist Macht. Urin ist Piss Chris und Günter Brus, Urin ist Wiener Aktionismus. Urin ist grenzüberschreitende Provokation der Body Art. Urin wurde verspritzt, getrunken, gesammelt. Eingepisst vor Lachen oder Angst? Angepisst? Urin ist Flüssigkeit gewordener Affekt. Wie umgehen mit Urin, nachdem die Pipiflecken der Body Art getrocknet sind?

 

Liquid Marble- Emmilou Rößling

Eine hochschwangere, auf dem Boden sitzende Frau, die Brüste verdeckt mit Schichten von triefend nassem Gips. Dünnschichtig. Fast nackt in den nassen Bahnen. Ruhig tunkt sie Gipsbinden in eine gläserne Schüssel. Deren Inhalt: der (symbolische) Urin eines kleinen, beständig vor sich hinpissenden marmornen Jungen. Sein Penis: ein verlängerter Gummischlauch. Meditationsmoment. Statue und Fleisch. Krallen an den Finger- und Fußnägeln der Frau. Gipsbinde um Gipsbinde bedeckt Bauch und Brüste. Fleisch wird scheinbar Stein. Fleisch wird Skulptur. Es entsteht eine Gruppe. Der urinierende Junge wird Sohn. Die Mutter reinigt ihre weißen Hände im sanften Strahl des Jungen. Er regt sich nicht, erregt sich nicht, bewegt sich nicht. Die Schwangere, den Bauch zur Decke reckend, krabbelt auf all ihren Vieren, verändert Konstellationen, kuratiert – sich und ihn, Stein und Fleisch. In tänzerischen Bewegungen fließend, sich wiederholend, nimmt sie sich Raum, besticht in ihrer Körperlichkeit. Der in Stein gemeißelte Pinkelnde ein Plätschern im Hintergrund. Hockend nimmt sie den Gipsabdruck, den Bauch, den Erhärteten, den Steinernen von sich. Reiht ihn ein, reiht sich ein, zwischen andere Replikate ihrer Selbst oder anderer. Hockend zwischen schwanger runden Bäuchen, die Hände ruhend auf hohlen Halbkugeln. Ihr hautfarbener, praller Bauch das Gegenstück: Urbild, Urbild und Abbild. Die Schwangere – eine Schöpferin, die Frau – eine Künstlerin. Der ständig Pinkelnde und sich Ergießende entlarvt als Stein. Gefangen in ewiger scheinbar lässiger Pose, verdammt zu pinkeln, sich zu entleeren, durchflossen und sich langsam auflösend in Wasser. Liquid Marble. Stein ist Wasser und Wasser ist Stein, gemacht, um Bäder zu schmücken und Symbol zu sein. Symbol von Macht.

In zahlreichen Gärten pissen kleine nackte Marmorjungen in Becken. Wo aber ist die sich entleerende, sich entäußernde, sich produzierende Frau in der Skulptur? Wo ist das lässig pissende Mädchen? Was nicht jeder weiß: Jeanneke Pis sitzt breitbeinig hockend in einer Seitenstraße Brüssels und lässt es fließen. Immer wieder als Gegenstück zum berühmten Manneken Pis erwähnt, besitzt sie weder einen riesigen Schrank voller Kostüme noch die Ehre, von zahlreichen Besucher*Innen als Attraktion gefeiert zu werden. Sie lässt es trotzdem laufen. Die Beine gespreizt und gut gelaunt um sich blickend, die Hände auf den Knien. Eine Pose, die sich in Liquid Marble wiederholt. Der feine aber wichtige Unterschied: Die Künstlerin Emmilou Rößling ist nicht Mädchen, sondern Frau. Gänzlich nackt hockt sie vor ihrem Publikum und wendet diesem den Rücken zu. Stolz und ruhig, kein bisschen skandalös, kein bisschen frech, sich der sicherlich zum Teil voyeuristischen Blicke der Anwesenden bewusst: Eine hockende, pinkelnde Frau ist oft beschriebener Bestandteil sexueller, häufig männlicher Fantasien. Eine entblößte Frau in einer der Erde nahen Pose. Ein intimer Moment. Für manch einen oder eine obszön. Die Performerin überlässt den Part des Urinierens dem steinernen Jungen, entscheidet sich – zum Glück – zur Nichterfüllung des Begehrens, zum Nicht-Pinkeln und emanzipiert sich damit vom feucht fröhlichen performativen Erbe des Urins. Rößling fließt in eine nächste Pose, sich transformierender Marmor, und ist dabei als Künstlerin unheimlich stark: Not a product but a producer.

 

Paruresis – Noam Brusilovsky

Under pressure, im Kopf und in der Blase. To perform or not to perform? That’s an important question. Daily. Körperlose Stimmen im Raum und wabernder Sound. Frontalunterricht, die Lehrenden sind Lautsprecher. The absence of an actor. Paruresis – Ich kann nicht, wenn andere zuschauen, ich kann das nicht auf der Bühne, ich… I let it flow right in front of an audience. Sich produzieren, sich präsentieren, dich faszinieren, dominieren. Das Innere nach außen kehren, materiell gesehen. Neonröhren. Kaltes Licht in relativer Dunkelheit. ICH KANN NICHT, WENN ANDERE ZUSCHAUEN! Dunkelheit: fließen, entleeren, erleichtern, Erlösung. Lights on for: to become a toilet, I make you a toilet. „Pisse auf Haut finde ich schön.“ Auf Jacken pissen, in Ecken pissen. Too drunk to fuck, but never too drunk to perform (to piss). They teach about ecstasy. Explicitly. They teach about shame. Gemeinschaft, Abgrenzung, Überwindung sexueller Norm. Community and privacy. Enthemmung, Dominanz, Entgrenzung, Revolte. In der Dunkelheit ein harter Strahl, im Klang einer brennenden Lunte gleich.

Noam Brusilovsky gelingt es in seiner Soundinstallation, spielerisch und mit Humor eine Verbindung zwischen Produktions- und Leistungsdruck in der Kunst und dem Pinkeln als sexueller Performance zu ziehen. Das Urinieren wird dabei zur Metapher. Es wird als privat und doch, und hier lässt sich der Bogen zu den bereits diskutierten pinkelnden Kinderstatuen ziehen, als Akt von öffentlichem Interesse analysiert. Von besonderer Beachtung: Die Praktik der Golden Shower. Was ist das Aufregende an Urin auf Haut? Woher kommt die Interpretation des Sich-Anpissens als pervers und doch subversiv? Fast schon plump wirkt die Beobachtung und der meiner Meinung nach damit einhergehende Erklärungsansatz, dass Urin nun mal aus dem jeweiligen Sexualorgan eines Menschen austritt und dass Sex ganz schlicht gesagt einen Austausch von Körperflüssigkeiten bedeutet. Doch so einfach es klingt, genau in diesem Akt des flüssigkeitspositiven Geschlechtsverkehrs liegt ein interessantes Potenzial: die Überwindung der eigenen Ekelgrenzen, genauer: Im Zuge ekstatischer Sexualerfahrungen besteht die Möglichkeit der Gleichwerdung unterschiedlicher Körperflüssigkeiten, meint: Sie werden allesamt fluide Begleiter auf dem Weg zum Orgasmus. In einem wirklich ekstatischen Sexualakt schwingen folglich eine gewisse Kompromisslosigkeit und eine aus ihr resultierende Grenzüberschreitung mit, die am deutlichsten und besonders brutal in Batailles „Obszönem Werk“ rezipiert wird. Das Subversive, das Aufrührerische der Golden Shower liegt also in der Möglichkeit zur Überwindung eigener und gesellschaftlicher Grenzen im Kontext von Sex. Und das geht zu zweit oder in Gruppen, kann sogar gemeinschaftsstiftend sein. Trotzdem ist dieses subversive Moment nicht selbstredend existent und eher im Privaten oder im Rahmen einer geschützten Community zu verorten: Das individuelle Eingestehen und Praktizieren sexueller Bedürfnisse vermag vermutlich kaum eine revolutionäre politische Wirkung zu entfalten. Der einsame Urinstrahl ist scharf in seinem Klang, vermag aber im Anschluss nur in der Stille zu verhallen. Die Golden Shower per se ist nicht politisch. Interessant wird es erst später: Das Teilen und gemeinsame Ausführen, das Kommunizieren über eben diese Praktik ist politisch und kann erleichternd, aber vor allem befreiend wirken. Im Akt des gemeinsamen Urinierens, genauer: beim gemeinsamen „showern“ erweitert sich die individuelle Freiheit; der gesellschaftliche Blasendruck wird erleichtert und anstelle von Unterwerfung tritt Überwindung. Mit der Sichtbarmachung scheinbar obszöner Sexualpraktiken, wie es Noam Brusilovsky mit Paruresis tut (willkommen in der freien Szene Pornceptual), können Zuschreibungen zumindest neu gedacht und im besten Falle transformiert werden.

 

Janne Nora und Fee Römer – #20 Shades of Yellow

Everything flows. A video projection and two screens presenting waterfalls. Loop. Forwards and backwards. Ein Talkshowstudio, zwei Frauen. An indoor fountain. A small fridge filled with bottles of water. Ein Pisse-Spender. The women start drinking. Überforderung. Informationen rasen über die Bildschirme, Assoziationen blitzen auf. Urin-Attacken, Antifa, Pipi-Witze, the yellow pill and Matrix, an urinating zombie-cop, medicine, Werbung. Ein nicht enden wollender Gedankenfluss, gleich einem Rhizom. Einen Gedanken gefunden und wieder verloren. Irgendwo existiert er noch – im Internet. Youtube-Ästhetik und Popkultur. Youtube-aesthetics. Auf dem Boden eine Hello Kitty-Skulptur. Made of piss. The drinking women dressed in advertising shirts start chatting about the meaning of urin. Keine Gnade. Keine Unterbrechung. Just another video? Die Pisse scheint zu entgleiten, zwischen den Fingern zu zerfließen, in ihrer Bedeutung zu vielschichtig. Tauchen Sie ein. In den Gedankenfluss concerning urine. Fishing for pearls made of meaning. Lassen Sie sich erschlagen von den Wassermassen, mitreißen und auf gelben Flüssen treiben. #20 Shades of Yellow. 20 micro artworks. Online.

Die popkulturellen und aktuellen Bedeutungsebenen von Urin, verpackt in eine Website und präsentiert auf einer Bühne. Ein seine Live-Rezipient*Innen in Fülle und Simultanität leicht überfordernder Teppich aus Klang, Text, Sound und Performance, ein Netz aus Informationen, sprunghaft und herausfordernd. Dabei gibt es keinen Blick zurück in die Vergangenheit, sondern es entsteht eine flüchtige Dokumentation der Gegenwart und ihrer unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen, Schattierungen und Tendenzen. Der Urin wird dabei zum verbindenden Element, wird zum Vermittler digitaler Bildwelten, von Thematiken wie Gesundheitswahn, Konsumsucht, Sexualität, Angst, Wasser, Videospielen und Trash. Gleichzeitig schwingen Fragen nach der Zukunft, nach dem Potenzial von Urin in der Arbeit mit. Sich scheinbar ferne Themen kommen sich über den Urin unverhofft nahe. Alles scheint durch einen gelben, in seinen Strömungen kaum zu begreifenden Fluss verbunden. Die Künstlerinnen arbeiten als Forscherinnen. Den auf der Bühne weitaus mehr als 20 Schattierungen des Urins setzten sie ihre eigenen, souverän wirkenden Körper und das Plätschern eines Zimmerbrunnens entgegen: Durchflossen von immer selbem Wasser, ein Kreislauf, der sich auch in der Reihung von „Kühlschrank, trinkenden Performerinnen und dem Pipispender“ wiederzufinden scheint. Die relative Ruhe währt, bis Janne Nora Kummer und Fee Römer ebenfalls zu sprechen beginnen und ihre eigens etablierten rhizomaren Denkstrukturen um einen weiteren, suchenden Assoziationsstrang erweitern. So plötzlich wie die Performance-Installation der beiden Künstlerinnen beginnt, endet sie auch. Vorerst. Scheinbar. #20 Shades of Yellow muss als Ausschnitt eines großen Ganzen, als kurzer Blick auf den zeitgenössischen Bedeutungsfluss von Urin verstanden werden. Kummer und Römer unterbrechen die Projektion und verlassen den Raum. Zurück bleibt ein Verweis auf das von ihnen erstellte Onlinearchiv, in dem sich momentan zwanzig Arbeiten von zeitgenössischen Künstler*Innen zum Thema Urin befinden.

 

Laura Genevieve Jones und Alex Linton – Baby Punk ft. Dr. Babuyoka

A red-haired pale woman, wearing nothing but platform shoes and a white fetish-outfit. Elastic. Red make-up surrounding her eyes. She staggers. A man behind a DJ desk wearing shamanic clothing and a head guard. Feathers on his head. Lighting candles, preparing a funeral? Several bedpans on the floor. Music. Beats. The woman starts singing. Videos in the background. Blur effects. Vulnerable, offensive, sexy, offensive, aggressive, offensive, lost, offensive, scaring, offensive, shocking, offensive, ephemeral. Offensive. The impulse to start dancing. Baby Punk, but not baby in any kind. An anthem. Proud and loud. Freaky. Baby Punk spreads her legs, fills red wine into bedpans. Pissing blood. Being sick. Menstruation. Maybe dying? The shaman moves around her body, she nearly falls. No touch. No physical intimacy. Rituals. A dying animal – rebellious. Anyway. And Baby Punk starts to sing again. Anyway. Catheter, vagina, glasstones on the belly – never too sick to fuck! Dreaming of violence, performing weakness. Aggressively. Eating pills, spitting blood, suffering, falling, crawling, drinking piss and blood. Never too sick to fuck! Ecstasy and hedonism. Disease. Never too sick to fuck! Being treated by the beat producing shamanism. Nonstop. His presence stays constant. Magic and myths. Religion. Performing one last song. Fucking energetic and strong.

Baby Punk ft. Dr. Babuyoka oscillates between concert and performance art, between this world and hereafter. It focuses in particular on a seemingly sick woman's body and soul. She appears to be obsessed. Obsessed by ghosts and suffering but also by life, ecstasy and hedonism. In one moment she’s weak, just to rise up again even stronger and more energetic than before. Her strength is connected to the music played. In moments of silence she becomes nearly apathetic or sinks in trance. In a projection in the back the audience becomes eyewitnesses of the performing girl using a catheter. It seems to be obvious that Jones‘ and Linton’s performance is filled with biographical elements. Lyrics and the video give the impression to be filled with notes on the perfomers privacy. Or are we only eyewitnesses of great storytelling, combined with exaggeration and bright colors? The performance, including videos und music, deals with a dysfunction of a human body and a fight for life. The performing girl’s body. Baby Punk as rebel girl. The aesthetics are punk and dirty and contrast the clean clinical association with medical treatment. Jones and Linton combine the subject area of disease with shamanism and ritual ecstasy. The confrontation of the sick and struggling body with the primal religion associates the whole performance with some kind of soul journey, a search for healing in life.

 

No pee today it wasn’t always so

Der Umgang mit Urin in der Performancekunst hat sich verändert. Die Debüts der diskutierten Performances distanzieren sich zum Großteil von klassischer offensiver und extremer Body-Art. Am ehesten reiht sich in diese Tradition die Arbeit Baby Punk ft. Dr. Babuyoka ein. Hier finden sich noch klare Bezüge und Elemente zur Body Art, nicht zuletzt durch die Nähe zum ihr verbundenen Punk. Jones und Linton arbeiten mit Schockelementen, material-, körper- und geruchsintensiv, verspritzen Rotwein und ziehen Bannkreise aus Sand auf der Bühne, zeigen explizite Bilder in Videos. Baby Punk ft. Dr. Babuyoka arbeitet direkt und konfrontativ, richtet sich unumwunden an das Publikum, brüllt und performt den Exzess. Trotzdem, und das ist interessant, entscheidet sich das Duo gegen die reale Materialität des Urins auf der Bühne. Der Urin bleibt symbolisch im Wein repräsentiert, thematisiert im Bild. Auch die anderen Werke, die an diesem Abend gezeigt werden, entscheiden sich gegen den direkten Einsatz, gegen die direkte Konfrontation mit der Flüssigkeit und distanzieren sich zudem deutlich klarer von den konfrontativen Inszenierungen der Body Art. Bei Dirty Debüt wird der Urin zur Metapher, wie bei #20 Shades of Yellow zum Gegenstand einer wilden Diskussion, bei Noam Brusilovsky zum subversiven gemeinschaftsstiftenden Material, oder bei Emmilou Rößling zum Träger feministischer und kunsttheoretischer Diskurse. Eine solch materielle und körperliche Thematik wie die des Urins scheint heute nicht mehr den Akt des Pinkelns als solchen ins Zentrum des Interesses zu rücken, sondern vielmehr dessen Metaphorik, Bedeutungsvielfalt und Symbolik zu ergründen. Verwendungsmöglichkeiten des Urins werden dabei zwar bedacht, jedoch eher reflektiert und diskursiviert als live praktiziert und performt.

Jetzt kommt gleich was

Max Wallenhorst

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Jetzt kommt gleich was

 

Also jetzt gleich. Jetzt.

 

Nee. Aber jetzt? Etwas rauslassen oder nicht halten können, eine Körperflüssigkeit oder eine künstlerische Arbeit oder einen Text, der danach kommt: Puh. Das kommt nicht nur von innen wie von selbst. Etwas rauslassen oder nicht halten können, so spontan es bei sehr, sehr guten Performer*innen aussehen mag, bedarf einer Infrastruktur: ein Klo zum Beispiel, vor dem niemand wartet, oder ein Publikum, das sich mit Rotwein anspritzen lässt, oder eine URL, die funktioniert. Dirty Debüt versucht, wenn ich es richtig verstehe, so eine Infrastruktur entstehen zu lassen, auch im Bewusstsein, dass die Möglichkeiten einer solchen Reihe begrenzt sind, dass sich eine solche Reihe mit einer solchen Infrastruktur dreckig macht und immer wieder von vorne anfängt. Gerade auch für eine Szene, eine freie Szene mit großem oder kleinem F, in der durch permanente Unterfinanziertheit aus den nachvollziehbarsten, lebensnahsten Gründen eine Form von Mangel-Ökonomie entsteht, in deren Organisiertheit es immer schwieriger wird, etwas herauszulassen oder nicht halten zu können, oder auch im Gegenteil: komplett zu verkrampfen. Diese Art von Undichtheit, für die das Klischee des Pinkel-Performens auch steht, ist eine Linie, die sich durch die letzten, eher vor- und vorvorletzten Jahrzehnte von Performance zieht, aber sie hat gleichzeitig einen sehr prekären Status.

 

In dieser ersten Ausgabe von Dirty Debüt, oder, naja, bei diesem ersten Versuch, den ich dazu schreibe – ich schreibe darüber hallo hallo – in dieser ersten Ausgabe, ging es so vielleicht darum, wie sich jetzt und hier, an einem unbesonderen Mittwoch in den Sophiensaelen, öffentlich etwas rauslassen oder nicht halten lässt, also in einem verhältnismäßig ungewohnten Kontext Übergänge zu managen: Die Übergänge zwischen fünf ersten Malen, klar, zwischen vier künstlerischen Arbeiten und dann auch noch dem Format. Es geht also auch um allerkonkretste Umbauten, die ich besonders schön finde, weil alle Beteiligten des Abends sich gegenseitig unterstützen und so eine produktions-übergreifende Solidarität selten eine Bühne kriegt. Aber auch der Fluss zwischen Innen und Außen von Arbeits- und Probenprozessen oder zwischen Innen und Außen des Themas, Urin, wird hier navigiert. Ich schreibe das Wort jetzt noch drei Mal auf: Urin, Urin, Urin. Alles fließt hier irgendwie ineinander, und gleichzeitig halten die unterschiedlichen Arbeiten dabei ihren sehr eigenen Druck aufrecht. Es geht immer auch etwas daneben und etwas, was lieber nicht nass werden sollte, wird nass, und gleichzeitig gibt es auch Momente, die völlig unflüssig sind und sich dieser ganzen Metaphorik entziehen.

 

In Emmilou Rößlings Liquid Marble lässt zuallererst ein Manneken Pis etwas raus, in einem unmenschlich stetigen Strahl pinkelt es in eine Glasschale. Rößling kniet nackt und ruhig daneben und fertigt mit nasser, vom Manneken nassgepinkelten Plaste einen Abdruck von ihrem schwangeren Bauch. Ja, von ihrem, einem schwangeren Bauch: Der Plaste-Abdruck, der auf der Bühne in eine Serie von vorangegangenen Abdrücken eingereiht wird, hält eine spezifische körperliche Veränderung fest. Der vermeintlich eindeutigen Zeitlichkeit einer Schwangerschaft scheint Liquid Marble sich gleichermaßen anzunähern wie zu entziehen. Mit kralligen und künstlichen Fingernägeln, mit einem Bewegungsmaterial, durch das sich ritualhafte Gesten ziehen, aber unterwältigt, genau wie abstrahierte Atemtechniken.

 

Die Performance, die sich hier aus einem Arbeitsprozess herauswagt, platzt weniger herein, als dass sie landschaftlich einsickert in den Raum. Oder vielleicht noch weniger als eine Landschaft, also in einem super interessanten Sinn weniger: Die skulpturalen Objekte, auch die skulpturalen Bewegungen der Arbeit doppeln einerseits das eigene und das Thema des Formats. Auf der anderen Seite, oder vielmehr auf genau derselben Seite, nur versteckt, findet sich ein Tanz, der cool und ernst bleibt mit einer Intensität unterhalb des Thematischen, diesseits der Zuschreibungen. (Im anschließenden Feedbackgespräch werden dann leider doch noch von einigen Zuschauenden die übergriffigsten Mutter-Kind-Mythen bemüht). Liquid Marble selbst, indem es in sich zurückfließt, macht sich unkenntlich. Ist die Arbeit so getarnt, frage ich mich, auch für ihre Verbündeten unsichtbar? Oder ist eine solche Form von Tarnung, frage ich mich auch, womöglich eine zeitgenössische Form, mit der man sich ausrüsten kann, um unterm Radar weiterzufliegen?

 

In Noam Brusilovkys Arbeit Paruresis geht es sehr wörtlich darum, was es braucht, um etwas rauslassen zu können. Die Arbeit schneidet Interviewmaterial zusammen von vor allem Männern, die sich im mindestens halb-öffentlichen Kontext anpissen lassen oder andere anpissen. Fünf Lautsprecher und die dahinterliegenden Neonröhren bilden auf der Bühne beeindruckend behutsam eine sound-basierte Konstellation, in der es weniger um die Kicher- oder Ekeleffekte eines Pinkeldiskurses geht, sondern darum, wie sich Menschen über eine Praxis zueinander in Beziehung setzen können, die selbst auf einer durch-organisierten Party undicht bleibt, tropfend, ein bisschen krampfig. Pinkeln wird hier nicht als ein Sexsport beschrieben, der sich meistern lässt. Wenn es aber klappt, erzählt einer, freue er sich über einen „guten Strahl“. Ob man den sexuellen Optimismus teilen mag, mit dem die Protagonist*innen ihre Kinkyness als genuin subversive Praxis aufladen, wird nicht zur bestimmenden Frage, weil es vor allem eben sehr konkret um das Wie geht, ums Können und Nicht-Können.

 

In einigen Sound-Fragmenten der Arbeit wird das Nicht-Können der Pinkel-Performance mit dem Nicht-Können der Theater-Performance parallelisiert. Was die Arbeit dabei mit den prominentesten Stimmen aus dem Inneren ihres Materials verbindet, ist die Souveränität, mit der sie meist mit ihren Lecks und Überflüssigkeiten umgeht. Sie setzt auf ein einfaches Setting und routinierte Soundregie, um für den Fluss des vielleicht noch verwundbaren Materials ein Auffangbecken zu bieten. Könnte auch diese Form es sich leisten, frage ich mich, in die titelgebende Paruresis noch tiefer einzutauchen, also ihrem eigenen inneren Material zum dreckigen Problem werden? Also Problem hieße dann hier was Gutes, Offenes. Oder würde dann die Vorsicht, mit der die Arbeit ihrem Gegenstand begegnet, zu sehr aufgewirbelt und zerfließen?

 

In #20ShadesofYellow von Janne Nora Kummer und Fee Römer ist Urin eingefroren, aufgestellt in einer Hello-Kitty-Form steht das Pisseis auf der Bühne, bis sich durchs Schmelzen vielleicht das Gewicht verlagert, bis das Objekt umkippt und auf den Boden weitertropft. Was fließt, ist hier der Diskurs, es kommen Sachen raus. Kummer und Römer setzen dabei nicht auf klaren Strahl, sondern auf das kohlensäuremäßige Übersprudeln ihrer Recherche: Ausgehend von einem Vorfall um die rechte Aktivistin Laurie Southern kartographieren zwei Sprecher*innen und Videos auf drei Screens die Stellen eines Diskurses, an denen privater Ekel in rechte Überflutungsmetaphern kippen kann: Der Fortgang der Argumentation bleibt in Haltepunkten ihres Gesprächs genauso prekär, wie wenn sich die verschiedenen Stränge des Video-Materials gegenseitig torpedieren: Selbst in der Tonlage ihrer Auseinandersetzung, die intern wirkt und zögerlich, wie eine allererste Probe, machen sie deutlich, dass sie der vermeintlichen Kontinenz nicht nur des rechten, sondern auch des eigenen Diskurses nicht trauen.

 

In diesem halb-privaten Sprechen gelingt den Performer*innen stellenweise ein sehr eigener Kopfsprung in ihr Material, sie sprechen von antifaschistischer Pisswelle zum Beispiel und sagen auch so einfache und voll schöne Sätze wie: “Es ist schön, sich nicht ekeln zu müssen.” Es wird deutlich, dass sich #20ShadesofYellow tatsächlich nicht davor ekelt, die eigene formale Vielfältigkeit nicht kontrollieren zu können. Das diskursive Zuviel, das Proben oft mit sich bringt, glaube ich, kürzen Römer und Kummer nicht weg, in diesem Dirty Debüt darf es noch ein bisschen persistieren. Könnte, frage ich mich, sich ein solches Zuviel auch als etwas noch Unaussprechlicheres äußern? Die Materialität des Diskurses ist hier supermateriell gedacht, aber könnte sich von diesem Punkt aus auch etwas organisieren lassen?

 

Die Performance Baby Punk ft. Dr. Babuyoka von Laura Genevieve Jones und Alex Linton setzt, um etwas rauszulassen, auf eine klare Form, die aber nicht konzeptuell clean bleibt, sondern mit der Selbstverständlichkeit daherkommt eines historisch, organisch erarbeiteten Genres. Vielleicht so zwischen allerneuestem Rap im Club und aktivistischem Electroclash und noch etwas anderem. Also es ist gar nicht klar, ob es dieses Genre als Genre gibt, das man googlen könnte, aber es wird hier einfach gesetzt: Eine Sängerin und ein Sänger, der auch noch den Sound spielt, vor einer stockend loopenden Video-Projektion. In deren Bilderflut sind sowohl in Vulven eingeführte Urin-Katheter als auch vermummte Zigarettengesichter zu sehen, Fortführungen und Wiederaneignungen einer DIY-Ästhetik der Angepisstheit, könnte sein: 80er und für mich plötzlich wieder sehr zeitgenössisch. Mindestens in seiner Vorform als Tetrapakrotwein, der hier irgendwann mit Hilfe von Bettpfannen ausgespien wird, erreicht hier eine Ahnung von punkigem Bahnhofsurin den Raum, aber digitalisiert, feministisch gewendet, ge- und erbrochen.

 

Mit ihrem überbordenden Style einerseits und in der straffen Konzertdramaturgie andererseits, in der Song auf Wassertrinken auf performatives Element folgt, schafft die Performance eine Form, in der irgendwie noch viel Platz ist. Noch viel Platz genug, um Momente von Liminalität einfließen zu lassen, die unangestrengt bleiben selbst dann, wenn sie mit maximal großer Geste als blutiges Ritual performt werden. Also nicht nur unpeinlich, sondern auch unironisch, für mich. Wie eine Einladung auf ein intensives Getränk, bei der ich WIRKLICH ab- UND zusagen könnte, bei der das nicht nur gesagt wird. Inwiefern, frage ich mich und auch beim Feedback-Gespräch bleibt es offen, inwiefern fügt sich eine solche eher performance-fremde Form sauber ein in den Sophiensaele-Raum? Auch wenn diese Arbeit große künstlerische Risiken erfordert, gehören Dirtyness oder Debüt dazu? Oder ist ästhetische Inkontinenz hier eine Schranke, die mit der vollen Coolness von Genre geflutet wird?

 

Dann ist die Show vorbei.

 

Kommt noch was, nein.

 

Nein, gerade nicht, oder jetzt vielleicht?

 

Es geht nicht.

 

Hatte ich das schonmal?

 

Nein, jetzt geht es gerade nicht.

 

Dann ist die Show vorbei. Alle Beteiligten lassen Gefühle raus und es gibt Champagnerduschen, sehr tolle Häppchen auch und diese gelöste Stimmung, die nach den Ereignissen kommt, wenn sie noch nicht ganz vorbei sind. Ich gehe schnell weiter, weil ich noch zu drin bin und weil ich Harndrang habe. Ein letzter Sonnenstrahl scheint durch das Milchglasfenster des Sophiensaele-Klos, nein, die Sonne ist schon längst untergegangen. Das Klo, das vom Hof aus eher erste Tür links, ist eng, aber auch hier ist heute Party. Es ist aber nicht die Party des Rauslassens, sondern die andere Party: Da, wo alles trinkt, was nicht debütiert hat, was aus guten oder schlechten Gründen außen vor oder innen drin geblieben ist. Anerkennen kann ich das nicht, ich bin nicht in der Position, aber ich kann kurz rüberwinken. Hallo! Oh, da ist auch die chronische Beckenbodenverspannung, die ich eine Zeit lang hatte oder habe, ach echt, hallo! Oh, da sind auch viele ganz andere Sachen, mit denen ich weniger zu tun habe, hallo hallo! Verkrampfungen, die hier in diesem Mini-Moment auf dem Klo der Sophiensaele ihren Platz nicht finden, aber haben. Sie haben Spaß auch ohne uns, auch unentspannt, wow wow. Ich geh wieder zurück in den Hof, wo ein Abend und ein Text sich dem Ende nähern.

 

Äh

 

Was heißt künstlerische Unreinheit für jetzt? Vielleicht ist eine Produktionsphase in der Szene angebrochen, wo auch formale Entscheidungen ihre vermeintlich cleane Neutralität verlieren: Auch das allerästhetizistischste Stück wird auf seine Positionalität hin überprüft: Wer darf mitmachen beim Formalismus? Und wie sind sie so miteinander, die Formen? Womöglich auch in diesem Kontext scheint es nicht mehr auszureichen, wenn Grenzüberschreitungen wie Tabu-Brüche oder Dilettantismus nur für sich selbst stehen, wie in der klassischen One Idea Performance. Sie brauchen mehr von ihrem Umfeld als den Anschein von Singularität oder Autonomie. Dirty Debüt nähert sich diesem Problem über eine ganze Reihe von Limitierungen: personell, karriereristisch, formal, thematisch, zeitlich, finanziell. Innerhalb dieser Grenzen bilden die vier gezeigten Arbeiten Konstellationen, in denen sie mit dem eigenen Unfertigen, dem eigenen voll Fertigen umgehen. Was sie dabei verbindet, ist eben dieser Rhythmus des Multi-Binds: Von On-Topic zu Off-Topic, von sicheren Moves zu riskanten. Künstler*innen nehmen etwas für einen Prozess mit oder auch nur ein bisschen Geld und Leporello-Fame und sie lassen, für die anderen und für sich selbst, dafür etwas da. Dieser Deal ist so trivial wie Pipi, aber er wird hier verkleinert und eingegrenzt, und vielleicht lässt sich ein bisschen anders mit ihm umgehen.

 

Wie mit Urin leben? Menschen entwickeln ausgefeilte Praktiken, um mit dieser Flüssigkeit umzugehen, die die eigene Grundfeuchtigkeit im Körper manifestiert, aber sie lässt sich nicht sinnvoll nur kontrollieren oder nur loslassen. Wenn es ums Pinkeln geht, ist klar, dass es weder die absolute Kontrolle noch ein heroisches Loslassen gäbe, mit dem man durch den Tag käme. Die eigene Durchlässigkeit zu organisieren, erfordert eine spezifische Choreographie von Anspannung und Entspannung. Dass das nicht nur voll der Allgemeinplatz ist, sondern ein ziemlich komplexes, auch politisches, auch schönes Problem, das kam hier vor, kam hier auch vor.

 

English Version for Laura and Alex:

 

Baby Punk ft. Dr. Babuyoka by Laura Genevieve Jones and Alex Linton lets something out by trusting a reliable form: something like a concert. A form, which is not conceptually clean at all, but it comes with a mysterious matter-of-factness of genre. A genre maybe somewhere between the most recent club-oriented rap and activist electro-clash and something entirely else, as well. It is not clear, if this genre even exists as something you could google, but it’s just played here: A singer and a DJ in front of a falteringly looping video projection. In this flood of pictures there are catheters in vulvas as well as masked faces with a cigarette in their mouth, continuations and reappropriations of a DIY aesthetics of pissed-off-ness. 80s perhaps, but in this moment it feels so contemporary, too. At least in its form as cheap red wine, that is here spit out into bed pans again, there is a smell of punky train station urine in the air - but digitalized, turned feminist, puked up.

 

With its overflow of style on the one hand and the tight concert dramaturgy on the other, in which a song is following drinking water is following a performative element, the performance creates a constellation, in which somehow within all these contours there is still a lot of space: Still a lot of space, to give room to liminal moments, to let them sink in, which appear effortless somehow, even if performed with a maximalist gesture as a bloody ritualist. These moments are neither embarrassingly spectacular nor ironic, for me at least. Like if someone asks you out on a intense drink, but it’s really really okay both to go and to not go. In how far, I wonder, is this form, which is perhaps rather alien to the institutionalized environment, blending in here? In how far is its dirt something that is held very closely, very safely? What would be a risk for such a cool dramaturgy and is it even interested in taking risks that did not emerge from their own questions, but from the expectations of others? 

 

 

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credits

KONZEPT, KÜNSTLERISCHE LEITUNG Björn Pätz, Sandra Umathum DRAMATURGIE Joshua Wicke
JURY Joy Kristin Kalu, Björn Pätz, Sandra Umathum, Joshua Wicke AUTOR*INNEN Lea Langenfelder, Max Wallenhorst VIDEODOKUMENTATION Diethild Meier
 
FOTOGRAFIE Anna Agliardi FEEDBACK-MODERATION BEI DIRTY DEBÜT #1 Nina Tecklenburg TECHNIK Emese Csornai PRODUKTION björn & björn
 
Eine Produktion von björn & björn in Koproduktion mit SOPHIENSÆLE. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds. Medienpartner: taz.die tageszeitung
 
DIRTY DEBÜT #2 CLEAN
SEPTEMBER 28, 19.00 Uhr
KANTINE

künstler*innen

Zum Auftakt sind dabei:

Noam Brusilovsky - Paruresis

Laura Genevieve Jones & Alex Linton - Baby Punk ft. Dr. Babuyoka

Janne Nora Kummer & Fee Römer - #20 Shades of Yellow

Emmilou Rößling - Liquid Marble

Emmilou Rößling: Liquid Marble

mit intimen gesten und unbeständigen grenzziehungen verschmilzt liquid marble skulptur und tanz. bilder schwellen und zerfallen, fließen ineinander, lösen sich auf und tarnen sich gegenseitig. ein bisschen wie bei den anglerfischen - es gibt keine konsistente form.

Von und mit: Emmilou Rößling

Emmilou Rößling ist Choreografin und Performerin. Sie studierte Tanz und Theater in London und Dublin sowie Choreografie in Gießen. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Fragen zu gängigen Formen der Repräsentation und Wahrnehmung, suchen einen Performance-Modus jenseits des Spektakulären und streben dabei stets nach einer Form der Camouflage.
emmilouroessling.com

Noam Brusilovsky: Parusesis

Paruresis bezeichnet die Unfähigkeit vor anderen zu urinieren. Was manche beschämt, wird für andere lustvoll. Eine akustische Arbeit über Lampenfieber und schüchterne Blasen.

Von und mit: Noam Brusilovsky, Lotta Beckers, Magdalena Emmerig, Tobias Purfürst

Noam Brusilovsky studierte Regie an der HfS Ernst Busch und realisiert seine eigene Inszenierungen am Theater und im Hörspiel. “Broken German” (SWR) gewann den deutschen Hörspielpreis der ARD 2017. Seine Solo-Performance “Orchiektomie rechts” wurde zu radikal jung 2018 eingeladen. Tobias Purfürst ist freier Musikproduzent und Klangkünstler. Lotta Beckers studiert Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Magdalena Emmerig ist Bühnen- und Kostümbildnerin und Teil von THE AGENCY.
noam-brusilovsky.com

Janne Nora Kummer + Fee Römer: #20shadesofyellow

Wenn einer alles wüsste und das für jede Position, wenn jemand die minimale Anzahl an Zügen um den Zauberwürfel zu lösen kennen würde, wie hoch wäre diese Zahl? Das ist die erhabene Nummer, und seit 2010, weißt du es ist die 20.

Von und mit: Janne Nora Kummer, Fee Römer, Marilena Büld

Mit Arbeiten von: Alina Weber aka Ali W, Amarnah Ufuoma Osajivbe-Amuludun, Antje Prust, Brenda Green, Chitra Vari, Eva Vuillemin, Finja Messer, h_k_mue - follow me, henri pee, J.M., Jan Koslowski, Johannes Aue, Julez, Lena Fiedler, Lisa Heinrici, Marilena Büld, Mila Martin, Ola B, Sven Björn Popp, Wieland Schönfelder

Eine Produktion von virtuellestheater
virtuellestheater.net/20soy

Janne Nora Kummer ist Performerin und Regisseurin. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit der Verknüpfung von neuen Medien und Performancekunst und untersucht die Auswirkung von Technik und Internet auf Individuum und Gesellschaft. Sie ist Mitglied von virtuellestheater e.V. Derzeit lebt und arbeitet sie in Berlin.

Fee Römer ist Soziologin und Dramaturgin. Als Soziologin arbeitet sie zu Themen der sozialen Ungleichheit. Schwerpunkt ihrer dramaturgischen Arbeit ist eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtstrukturen, und wie diese in performativen Formaten unterwandert werden können.

Laura Genevieve Jones + Alex Linton: Baby Punk ft. Dr. Babuyoka

Eine kollaborative Arbeit, die gängige Vorannahmen darüber, was es bedeutet krank, crip oder behindert zu sein auf die Probe stellt und die vielfältive Otherness der Performer*innen auslotet. Ihre Körper sind politisch, spirituell, freudvoll, sexy und wütend.

Diese Arbeit wird am 6. Juli erneut bei der Eröffnung der COVEN Berlin Ausstellung Lucky gezeigt, wo Laura auch ihre neue Video Installation ausstellen wird.

Von und mit: Laura Genevieve Jones, Alex Linton

Baby Punk ft. Dr. Babuyoka Laura und Lex haben im August letzten Jahres nach rechts gewischt, seitdem trippen und düsen sie gemeinsam durch Raum und Zeit, beschwören Sprüche und brauen merkwürdige Ideen um Labor. Sie teilen das Interesse für Okkultes, Verschwörungstheorien, komische Geräusche, billiges Essen und das Dong Xuan Center.

Alexander Linton was born in London and based in Berlin, Alexander Linton is a performer and producer. Whilst working as a professional musician, under the project, Lexodus, interest in his composition began to increase and Alexander started producing live music for dance and performance exhibitions.
lexodus.hotglue.me

Laura Genevieve Jones Also known as yonabout, lulika and baby punk, Laura G Jones is a crip artist and researcher. Working predominantly with video, sound and performance, her practice explores themes of gender, sexuality, sickness and performativity in the every day. Originally born in Johannesburg, South Africa, having lived in America and the UK, Laura is now based in Berlin, Germany.
yonabout.hotglue.me

KONZEPT, KÜNSTLERISCHE LEITUNG Björn Pätz, Sandra Umathum DRAMATURGIE Joshua Wicke
JURY Joy Kristin Kalu, Björn Pätz, Sandra Umathum, Joshua Wicke AUTOR*INNEN Lea Langenfelder, Max Wallenhorst
 
VIDEODOKUMENTATION Diethild Meier FOTOGRAFIE Anna Agliardi FEEDBACK-MODERATION BEI DIRTY DEBÜT #1 Nina Tecklenburg TECHNIK Emese Csornai PRODUKTION björn & björn
 
Eine Produktion von björn & björn in Koproduktion mit SOPHIENSÆLE. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds. Medienpartner: taz.die tageszeitung
 
DIRTY DEBÜT #2 CLEAN
SEPTEMBER 28, 19.00 Uhr
KANTINE

ausschreibung

Dirty Debüt
#1 Urin

An vier über das Jahr verteilten Abenden stellt Dirty Debüt je vier emerging performance artists einen Rahmen zur Verfügung, in dem sie eine skizzenhafte, unfertige, eben schmutzige Arbeit zu einem ausgewählten Thema oder Begriff zeigen können. Nach den Aufführungen lädt eine Tafelrunde zu einer gemeinsamen Mahlzeit und zu Gesprächen ein, die jedes Mal auf anderen Feedback-Methoden beruhen. Eingeführt und moderiert werden sie von wechselnden Gästen mit entsprechender Expertise.

Die erste Ausgabe findet am 16. Mai 2018 um 19 Uhr in der Kantine der Sophiensæle statt.

Das Thema von Dirty Debüt #1 ist Urin.

Möchtet ihr zu den vier Künstler*innen oder Gruppen gehören, die bei Dirty Debüt #1 ihre Arbeiten aufführen? Dann bewerbt euch mit einer kurzen Projektskizze zum Thema in Deutsch oder Englisch (max. 2000 Zeichen) und eurem Lebenslauf! Teilnehmen können alle, die höchstens eine professionell erarbeitete Inszenierung vorzuweisen haben. Denkbar ist auch die Weiterentwicklung einer hochschulischen Abschlussarbeit; studentische Projektvorschläge akzeptieren wir leider nicht. Die Beendigung des Studiums ist deshalb durch die Einsendung einer Exmatrikulationsbescheinigung zu belegen. Für die Erarbeitung einer 20-minütigen Performance erhaltet ihr von uns 2000 € (inklusive ggf. anfallender Reise-, Transport- und Unterbringungskosten) sowie zusätzlich bis zu 150 € Material- und Technikkosten.

Die Jury – Björn Pätz, Sandra Umathum, Joshua Wicke und Joy Kristin Kalu von den Sophiensælen – wählt aus allen Einsendungen vier Entwürfe, deren künstlerische Ansätze als eigenständig und vielversprechend beurteilt werden. Die Begründungen für unsere Auswahl veröffentlichen wir auf der Webseite der Sophiensæle und www.dirtydebuet.de. Dort erscheinen später auch die Aufzeichnungen der Performances sowie die Berichterstattungen unserer beiden Autor*innen.

Dirty Debüt geht es nicht nur um die Sichtbarkeit von Performance-Künstler*innen, die noch unter dem Radar der meisten Häuser und ihrer Besucher*innen fliegen. Ein weiteres Anliegen besteht darin, die heterogene Bandbreite der gesamten Performance-Landschaft zu würdigen: das sogenannte Performance-Theater, die Performances in der Tradition der Body Art sowie die Berührungen zwischen Performance und Tanz oder Bildender Kunst. Dirty Debüt möchte Versammlungsort für verschiedene Ansätze, Formate und Ausdrucksformen sein und sie alle auf derselben Bühne sehen.

Wir freuen uns auf eure Einsendungen!
Zu richten sind sie an apply@dirtydebuet.de

Bewerbungsschluss ist der 16. März 2018.
Mit den Entscheidungen ist Anfang April zu rechnen.
Die ausgewählten Künstler*innen werden umgehend von uns benachrichtigt.

Idee & Konzept
Björn Pätz, Sandra Umathum

Dramaturgie
Joshua Wicke

Autor*innen
Lea Langenfelder, Max Wallenhorst

Feedback-Moderation bei Dirty Debüt #1
Nina Tecklenburg